Bis vor ca. 150 Jahren dürften wohl die meisten Menschen überwiegend vegan gelebt haben, aber wohl kein einziger freiwillig. Und auch nicht besonders lange.
Natürlich gab es nicht das Mittelalter, es wird regional und nach Epoche große Unterschiede gegeben haben, nichts desto trotz gab es außer Getreideprodukten und vielleicht ein paar heimischen Linsen- Bohnensorten praktisch keine Energie- und Eiweißträger nicht tierischen Ursprungs.
"Wenn mir Gott zu leben erlaubt, werde ich dafür sorgen, dass es in meinem Land keinen Bauern gibt, der sonntags nicht sein Huhn im Topf hat!" soll Heinrich IV.von Navarra gesagt haben.
Ich glaube Ihr liegt beide nicht falsch. Hier mal meine Gedanken dazu:
Stelle mir dabei Europa in der Zeit vom Mittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung vor.
In einer agrarisch geprägten Gesellschaft, in der 80 bis 90% der Bevölkerung direkt in der Landwirtschaft lebten und arbeiten, hatten sie direkt Zugriff auf Lebensmittel tierischer Herkunft.
Entweder in Form von ganz frischen Produkten oder von solchen, die mit den damaligen Mitteln haltbar gemacht werden konnten (Einsalzeln, Pökeln, Räuchern).
Natürlich nicht in der Menge und in der Variabilität, wie wir das heute haben:
A. Sie konnten nicht die Quantitäten produzieren. (Ergo die Herstellung der Produkte war ungleich arbeitsintensiver und das machte sie wertvoller als unsere heute.)
B. Sie durften auf Grund wirtschaftlicher Abhängigkeiten und gesetzlicher Vorschriften die erzeugten Produkte nicht für sich behalten.
(Einsatz als Tauschmittel für alles, was nicht selbst hergestellt werden konnte, Abgaben an Kirche und Grundherr, Nutzungsverbote für knappe Güter - z.B. Jagdverbot)
Was ihnen dann aber blieb, wurde vollständig verwertet (alte Hühner, Kaninchenköpfe, Schweineohren).
Was Ssnake beschreibt simmt aber auch! Gerade vor 150 Jahren waren die ersten Arbeiter, unfreiwillig einer vegetarischen oder gar veganen Ernährung ausgesetzt.
Schlesischer Weberaufstand 1844. Ein Hungeraufstand, weil der geringe Lohn dieser Heimarbeiter deren Ernährung gar nicht mehr sichern konnte. Zu Kuafen gab es für das wenige Geld kein Fleisch. Auch für die günstigen Lebensmittel hat es in der Krise nicht mehr gereicht.
Georg Werth, 1944, Hungerlied
Verehrter Herr und König,
Kennst du die schlimme Geschicht?
Am Montag aßen wir wenig,
Und am Dienstag aßen wir nicht.
Und am Mittwoch mussten wir darben
Und am Donnerstag litten wir Not;
Und ach, am Freitag starben
Wir fast den Hungertod!
Drum lass am Samstag backen
Das Brot fein säuberlich -
Sonst werden wir sonntags packen
Und fressen, o König, dich!
Grundlegend geändert hat sich die prekäre Situation erst ab Ende des 19. Jahrhunderts, als die Landwirtschaft nach und nach mechanisiert wurde, künstlicher Dünger eingesetzt wurde, Nahrungsmittel- und Fleischimporte dank Kühlung und neuer Verkehrsmittel möglich wurden.